Viele von uns, die irgendwann im Marketing oder als Texter landen, haben eine Gemeinsamkeit: Wir schreiben gerne. Oft beginnt es als Hobby – wir erfinden Welten, schreiben Kurzgeschichten oder plotten den ersten eigenen Roman.
Doch dann kommt der Job. Plötzlich heißt es nicht mehr „Lass die Charaktere atmen“, sondern „Pack das Keyword noch zweimal in die H2“. Der Sprung vom kreativen Schreiben zum professionellen SEO-Texten ist oft wie der Wechsel von abstrakter Malerei zur technischen Zeichnung.
In diesem Beitrag zeige ich dir aus meiner eigenen Erfahrung die größten Unterschiede zwischen Romanschreiben und SEO. Denn bevor ich meine Karriere in der SEO (Suchmaschinenoptimierung) startete, war ich als Selfpublisher unterwegs und habe meinen ersten Roman „Warum sollte es anders sein?“ sowie „Dream of a Stretcher“ veröffentlicht. Ich weiß also, wie sich beide Welten anfühlen.
Das Wichtigste in Kürze
- Zielgruppe vs. Suchmaschine: Ein Roman richtet sich an die Emotionen des Lesers, ein SEO-Text an die Suchintention des Nutzers (und den Google-Algorithmus).
- Struktur: Beim kreativen Schreiben führt oft ein Spannungsbogen durch den Text. SEO-Texte erfordern harte Formatierungen (H1-H3), Aufzählungen und scannbaren Content.
- Sprache: Verschachtelte Sätze und Metaphern sind toll für Romane, aber schlecht für die Lesbarkeit im Web.
- KI: Während KI beim Romanschreiben verpöhnt ist und bestenfalls als Sparringspartner dient, wird sie im SEO zunehmend für Massenproduktion oder Skalierung genutzt.
Die völlig unterschiedliche Herangehensweise
Beim kreativen Schreiben (Der Roman)
Wenn ich an meinem Roman arbeite, sind meiner Kreativität fast keine Grenzen gesetzt. Ich entscheide mich für eine Perspektive, erfinde Regeln für die Welt (Worldbuilding) und lasse Charaktere miteinander agieren. Es geht um Emotionen, Spannung und Atmosphäre. Wenn ich möchte, kann ich drei Seiten lang beschreiben, wie der Regen gegen ein Fenster prasselt.
Metaphern, eine gelungene Atmospähre und Geheimnisse, die erst auf Seite 300 gelöst werden – all das macht ein gutes Buch aus.
Beim professionellen Web-Texten (SEO)
Ein SEO-Text hat einen ganz pragmatischen Zweck: Er soll ein Problem lösen. Wenn jemand bei Google „Wie wechsle ich einen Fahrradreifen?“ eingibt, will er keine poetische Beschreibung des kalten Asphalts. Er will eine nummerierte Liste.
Keywords geben das Thema vor, die Search Intent (Suchintention) definiert die Art des Textes (Ratgeber, transaktional, informativ). Sätze sollten kurz und prägnant sein. Absätze dürfen selten länger als fünf Zeilen sein, da Nutzer im Netz nicht „lesen“, sondern den Text „scannen“.
Was ändert sich, wenn dein Hobby zum Beruf wird?
Als ich meine Leidenschaft für das Schreiben zum Beruf gemacht habe und tiefer in die Welt der Content Creation und Suchmaschinenoptimierung eingetaucht bin, musste ich erst einmal vieles „verlernen“, was ich mir über Jahre als Romanautor angeeignet hatte.
- Tschüss, „Show, don't tell“: Im Web muss man sofort auf den Punkt kommen. Die Kernbotschaft steht meistens schon im ersten Absatz, nicht am Ende des Textes.
- Format is King: Überschriftenhierarchien (H1, H2, H3), Fettungen und Bullet-Points sind extrem wichtig. Ein Text ohne diese Elemente rankt schlecht und wird weggeklickt.
- Klarheit schlägt Poesie: Metaphern werden oft wörtlich genommen oder von Suchmaschinen nicht verstanden. Eindeutigkeit ist oberste Pflicht.
Ein kleiner Trost: Auch in der SEO ist Storytelling auf dem Vormarsch. Trockene Sachtexte gibt es genug. Wer es schafft, SEO-Regeln mit einer guten, fesselnden Sprache zu kombinieren, hat heute einen massiven Vorteil gegenüber der rein fachlichen Konkurrenz.
Welche Rolle spielt KI in diesen beiden Welten?
Die Ankunft von ChatGPT, Claude und Co. hat beide Disziplinen grundlegend verändert, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise.
KI in der SEO
In der SEO-Welt ist KI ein Effizienz-Booster. Texte können in Minuten generiert, Keywords automatisch eingeflochten und Meta-Beschreibungen im Dutzend ausgespuckt werden. Die Gefahr hierbei: Das Web füllt sich mit austauschbarem, generischem Einheitsbrei („Helpful Content“ ist das Stichwort, bei dem Google gerade hart durchgreift).
Profis nutzen KI hier eher zur Recherche, zur Gliederungserstellung oder um einen Rohentwurf zu schreiben, der dann intensiv „humanisiert“ und mit eigener Expertise (Experience, Expertise, Authoritativeness, Trustworthiness - kurz E-E-A-T) angereichert wird.
KI beim kreativen Schreiben
In der Kunst, und ganz besonders beim Schreiben, sind komplett KI-generierte Inhalte oft regelrecht verpönt. Leser suchen nach echter menschlicher Emotion. Für uns Autoren ist die KI daher kein Textgenerator, der uns das Schreiben abnimmt (solche Romane wirken ohnehin meist seelenlos), sondern sie wird bestenfalls als Sparringspartner genutzt.
Ich kann die KI zum Beispiel bitten: „Meine Heldin sitzt in einer Höhle fest und hat nur ein Seil und einen kaputten Kompass. Wie könnte sie entkommen?“ Oder ich nutze KI, um Plot Holes aufzudecken oder Namen für Nebencharaktere und Städte im Worldbuilding zu generieren. Die kreative Hoheit und die emotionale Tiefe liegen aber weiterhin zu 100 % beim menschlichen Autor.
Mein Fazit
Kreatives Schreiben und SEO-Texten sind für mich zwei völlig unterschiedliche Werkzeuge. Das eine ist mein Pinsel, um Bilder in den Köpfen der Leser zu malen. Das andere ist mein Präzisionsskalpell, um Informationen perfekt aufzubereiten und auffindbar zu machen.
Als Texter und Autor weiß ich mittlerweile genau, wann ich welches Werkzeug einsetzen muss – und wie ich KI nutzen kann, um mir den Prozess zu erleichtern, ohne meine menschliche Note und Kreativität zu verlieren.