Selfpublishing Erfahrungen: Was ich als Autor wirklich erlebt habe
Es gibt diesen Moment, in dem man seinen fertigen Roman in den Händen hält und denkt: Und jetzt? Für mich kam dieser Moment nach mehreren Absagen. Kein Verlag wollte meinen ersten Roman – oder genauer: Es gab einen, der wollte. Einen Druckkostenzuschussverlag, der mir für rund 3.500 Euro anbot, mein Buch zu verlegen. Für einen Newcomer ohne Leserbasis war das schlicht kein realistisches Angebot. Also habe ich das Heft selbst in die Hand genommen. Was danach folgte, war lehrreicher als alles, was ich je über das Schreiben gelesen habe – und längst nicht so kompliziert, wie ich befürchtet hatte. Eine Sache habe ich aber trotzdem lernen müssen: Damit ein Buch auch tatsächlich gelesen wird, braucht es mehr als die bloße Veröffentlichung. In diesem Artikel teile ich deshalb meine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Selfpublishing.
Das Wichtigste in Kürze
- Veröffentlichung: Mit Amazon KDP ist ein Buch technisch schnell und kostenlos online – das ist wirklich so einfach, wie es klingt.
- Kosten: Wer möchte, kann ohne Budget starten. Lektorat und professionelles Cover sind aber Investitionen, die sich mittelfristig lohnen.
- Marketing: Das ist die eigentliche Arbeit. Wer nicht früh damit anfängt, verschenkt Potenzial.
- KI-Flut: Selfpublishing-Plattformen werden zunehmend mit generischen, KI-generierten Büchern überschwemmt. Authentizität ist heute mehr wert denn je.
Der Testlauf: Erst eine Kurzgeschichte, dann der Roman
Bevor ich im Jahr 2014 meinen ersten Roman „Warum sollte es anders sein?" veröffentlicht habe, wollte ich das Terrain sondieren. Ich habe eine Kurzgeschichte, „Zweite Chance", auf Amazon KDP eingestellt. Die ersten drei Tage nach dem Launch gab es das Büchlein kostenlos. Das Ergebnis: Allein an Tag 1 verbuchte der Titel über 600 Downloads.
Das hat mich ehrlich gesagt überrascht. Ich hatte keine Erwartungen, keinen Plan, keine Reichweite. Trotzdem passierte etwas. Dieser kleine Erfolg hat mir gezeigt, dass Selfpublishing zumindest die Chance auf Sichtbarkeit bietet – wenn man das richtige Format zur richtigen Zeit wählt.
Für den Roman selbst hat ein Bekannter das Cover gestaltet. Amazon KDP stellt eigene Formatierungstemplates bereit, die wirklich brauchbar sind – auch für jemanden ohne Design-Erfahrung. Insgesamt lief der technische Teil der Veröffentlichung erstaunlich reibungslos.
Was ich beim Selfpublishing komplett unterschätzt habe
Das Buch war fertig. Es war online. Und dann: Stille.
Über das Marketing habe ich mir schlicht keine Gedanken gemacht. Ich hatte einen Roman geschrieben und veröffentlicht – und irgendwie gehofft, dass die Welt das schon mitbekommen würde. Sie hat es nicht.
Was ich damals versucht habe: Ich habe Rezensionsexemplare an BookTuber verschickt – Buchrezensenten auf YouTube, die damals eine echte Anlaufstelle für Leser waren. Daraufhin sind einige Video-Rezensionen entstanden, die meisten davon mit recht guten Wertungen. Leider sind heute keine davon mehr online. Das Internet ist eben doch vergänglich, und Reichweite, die man nicht selbst kontrolliert, kann über Nacht verschwinden.
Mein Tipp für alle Neueinsteiger: Schon während des Schreibens über das Marketing nachdenken. Die Veröffentlichung allein erzeugt keine Sichtbarkeit – das ist vielleicht der wichtigste Satz, den ich über Selfpublishing gelernt habe.
Lektorat, Cover, Kosten: Was braucht man wirklich?
Ich habe meinen ersten Roman ohne professionelles Lektorat veröffentlicht. Das habe ich im Vorwort explizit erwähnt – mir schien das fair. Kein Leser soll ein Buch kaufen und dann überrascht von Fehlern sein, die er nicht erwartet hatte.
Heute sehe ich das differenzierter. Ein professionelles Lektorat zeugt von Respekt gegenüber dem Leser. Zumindest haben Selbstverleger heute andere Tools zur Verfügung als ich, als ich vor über zehn Jahren gestartet bin. Meiner Meinung nach lässt sich KI durchaus für die Korrektur eigener Texte nutzen: Wenn sie das Endergebnis besser macht, sehe ich persönlich darin kein Problem, wobei ein Lektor natürlich mehr ist als eine bloße Rechtschreibkorrekur. Vor meinem zweiten Roman, "Dream of a Stretcher" habe ich das Manuskript einigen Beta-Lesern zur Verfügung gestellt. Dadurch habe ich sehr wertvolle Insiights erhalten, wo die Schwächen innerhalb der Geschichte sind.
Beim Cover bin ich der Meinung: Das ist nicht der Bereich zum Sparen. Ein schlechtes Cover ist der schnellste Weg, dass ein Buch nicht angeklickt wird – egal wie gut die Geschichte ist. Ich hatte Glück, jemanden zu kennen, der mir helfen konnte. Wer das nicht hat, sollte zumindest die KDP-Cover-Tools ernsthaft nutzen oder in einen Freelancer investieren.
Selfpublishing heute: KI, Qualität und die Frage nach Authentizität
Wenn ich heute auf Selfpublishing-Plattformen schaue, erkenne ich das Umfeld kaum wieder. Der Markt wird zunehmend mit Büchern überschwemmt, hinter denen kein Mensch steckt – sondern ein Sprachmodell. Plattformen wie Amazon KDP oder auch tredition haben damit ein ernsthaftes Problem: Bücher, die binnen Minuten generiert werden, konkurrieren optisch gleichberechtigt mit Werken, an denen jemand jahrelang gearbeitet hat.
Ich würde gerne mit einem Verlag zusammenarbeiten – nicht weil ich in Selfpublishing heutzutage keinen Wert mehr erkennen kann, sondern weil mir die Abgrenzung von dieser KI-Flut wichtig ist. Ein Verlag ist immer noch ein Qualitätssignal. Aber: Bevor ich eine Geschichte gar nicht veröffentliche, würde ich den Weg über den Selbstverlag jederzeit wieder gehen.
Was ich für neue Autoren für wichtiger halte als je zuvor: Authentizität. KI ist weder persönlich noch politisch: Sie vertritt keine Meinungen, sie eckt nicht an, sie hat keine Biografie. Das ist genau das, was ein menschlicher Autor hat – und es lässt sich nutzen. Wer seine eigene Stimme kennt und konsequent einsetzt, hat heute einen echten Vorteil.
Das ist übrigens auch beim Worldbuilding so: Eine glaubwürdige, lebendige Welt entsteht nicht aus Algorithmen, sondern aus echten Entscheidungen und einer klaren Haltung. Wer wissen will, wie das in der Praxis aussieht, findet dazu mehr in meinem Worldbuilding-Guide.
Mein Fazit: Selfpublishing ist ein Werkzeug, kein Ersatz
Selfpublishing hat mir ermöglicht, als Autor in Erscheinung zu treten, ohne auf einen Verlag warten zu müssen. Das ist sein größter Vorteil. Es ist kein Ersatz für eine professionelle Verlagsstruktur, für Lektorat, Pressearbeit und Buchhandelsvertrieb – aber es ist eine echte Chance, besonders für Erstlinge und Nischenthemen.
Was ich mitgenommen habe: Die Technik ist das Geringste. Die Geschichte zu schreiben ist das Zweitwichtigste. Das Wichtigste ist, sich früh Gedanken darüber zu machen, wie und von wem das Buch gelesen werden soll.